Zirkulierende Tumorzellen als Basis für die individualisierte Krebstherapie

Interview mit Dr. Thomas Wossning, Leiter der Arbeitsgruppe Zirkulierende Tumorzellen, KTB

Dr. Thomas Wossning leitet in der Klinik für Tumorbiologie ein Forschungsprojekt, das sich mit dem Thema „zirkulierende Tumorzellen befasst. Herr Wossning hat in einem Gespräch mit dem wegweiser zu Hintergrund und Zielen dieses Projektes Stellung genommen.

Herr Wossning, was sind zirkulierende Tumorzellen?

Wossning: Bei Patienten mit Tumoren lassen sich häufig Zellen des Tumors im Blut nachweisen. Diese zirkulieren mit dem Blutkreislauf durch den Körper und werden daher als zirkulierende Tumorzellen bezeichnet.

Zirkulierende Tumorzellen besitzen viele Charakteristika des Tumors. Sie unterscheiden sich aber dahingehend von Zellen des Ursprung-Tumors, als dass sie auch solche Eigenschaften besitzen, die ihnen das Eindringen in das Kreislaufsystem und damit die Ausbreitung im Körper erlauben. Das macht zirkulierende Tumorzellen sowohl für die Forschung als auch für die klinische Diagnostik extrem interessant. 

Welche Erkenntnisse verspricht man sich von der Erforschung zirkulierender Tumorzellen?

Wossning: Um diese Frage zu beantworten, sollte man zunächst wissen, dass der tödliche Verlauf vieler Krebserkrankungen vor allem auf die Ausbreitung des Tumors in entfernte Gewebe zurückzuführen ist, die sogenannte Metastasierung. Die Entwicklung von Wirkstoffen, die die Metastasierung hemmen, ist daher ein vielversprechender Therapieansatz und Gegenstand intensiver Forschung.

Die Metastasierung beginnt mit der Ablösung einzelner Zellen vom Tumor und deren Einwanderung in Lymph- und Blutgefäße, wo sie sich als zirkulierende Tumorzellen mit dem Flüssigkeitsstrom im Körper ausbreiten. Einzelne dieser Zellen können schließlich aus dem Kreislaufsystem ins Gewebe eindringen, sich dort ansiedeln und eine Metastase bilden. Zirkulierende Tumorzellen bilden also einen wichtigen Zwischenschritt bei der Entstehung von Metastasen. Eine vergleichende Analyse von zirkulierenden Tumorzellen mit aus Biopsien entnommenen Zellen des Ursprung-Tumors kann somit wichtige Aufschlüsse über die für die Metastasierung wichtigen Faktoren geben. Dies bildet die Grundlage für die Entwicklung neuer Wirkstoffe, die die Streuung von Krebs hemmen.

Welche Vorteile hat die Analyse zirkulierender Tumorzellen für Krebspatienten?

Wossning: Die Erforschung von zirkulierenden Tumorzellen ist eine Investition in die Zukunft, die die Grundlage für die Entwicklung neuer Medikamente liefern soll.

In der Diagnostik kann die Analyse zirkulierender Tumorzellen aber heute schon eingesetzt werden. Aufgrund ihrer Ähnlichkeit zu Zellen des Tumors erlaubt die genaue Charakterisierung der zirkulierenden Tumorzellen Rückschlüsse über den Tumor und kann wichtige Daten für die Diagnostik liefern. So lassen sich z. B. bestimmte, besonders gefährliche Veränderungen im Erbgut (Mutationen) anhand zirkulierender Tumorzellen nachweisen. Dieses Wissen kann dann für eine individuell auf den Patienten zugeschnittene Behandlung eingesetzt werden, die präzise auf die jeweilige Tumorart ausgerichtet und gleichzeitig für den Patienten wenig belastend ist. Bislang ist für eine solche molekularbiologische Diagnose die Charakterisierung einer aus dem Tumor entnommenen Biopsie erforderlich. Die Charakterisierung zirkulierender Tumorzellen aus leicht zugänglichen Blutproben stellt hierzu eine vielversprechende, weil schonende und minimalinvasive Methode dar.

Welchen Ansatz verfolgen Sie in der Klinik für Tumorbiologie auf diesem Forschungsgebiet?

Wossning: Zirkulierende Tumorzellen sind mit etwa einer Zelle unter mehreren hundert Millionen Blutzellen extrem selten und entsprechend schwer nachzuweisen. Unserer Klink steht mit der Anschaffung eines sogenannten ApoStream©-Geräts eine innovative Technologie zur Verfügung, um zirkulierende Tumorzellen aus dem Blut von Patienten zu isolieren und zu untersuchen. Neben der Erforschung der für die Metastasierung wichtigen Faktoren kann diese Technologie in Zukunft möglicherweise für die Erstellung von individualisierten Therapieplänen für die Patienten unserer Klinik eingesetzt werden.

 

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