Auf dem Prüfstand

Erste Erfahrungen mit Kinase-Inhibitoren

PD Dr. med. Klaus Mross, Klinik für Tumorbiologie 

Eine bahnbrechende Entdeckung der neueren Krebsforschung ist, dass am komplexen Prozess der Krebsentstehung eine Gruppe von eng miteinander verwandten Eiweißmolekülen, Kinasen genannt, beteiligt ist. Die ersten Medikamente dieser neuen Generation sind bereits auf dem Markt, weitere befinden sich in klinischen Studien. Welche dies sind, wie sie wirken, und für welche Patienten die Studienteilnahme geeignet ist, erläutert PD Dr. Klaus Mross, der Leiter der Abteilung Klinische Studien an der Klinik für Tumorbiologie im Interview:

Wie könnte man das Wirkprinzip dieser Medikamente beschreiben?
Ziel dieser neuen Wirkstoffe ist es, das Tumorwachstum zu blockieren, indem sie bestimmte Eiweißmoleküle hemmen und so dafür sorgen, dass Wachstumssignale nicht an Krebszellen weitergeleitet werden.

Welche Kinase-Hemmstoffe werden derzeit im Rahmen einer klinischen Studie in der Klinik für Tumorbiologie geprüft?
Es befindet sich ein Aurorakinasehemmer (AKI) in klinischer Erstanwendung. Die Aurorakinasen spielen zusammen mit den Polo-like Kinasen bei der Regulation des Tumorwachstums eine bedeutsame Rolle. Der oben genannte Wirkstoff wird derzeit zusammen mit der Universitätsklinik Essen (Tumorforschung) in einer Phase I Studie geprüft. Ein zweiter Kinase-Inhibitor gehört in die Gruppe der Multikinase-Inhibitoren, weil nicht nur eine Kinase gehemmt wird, sondern gleich eine ganze Reihe von unterschiedlichen Kinasen. Diese sind Teil der komplexen Übermittlung von Wachstumssignalen in Krebszellen. Diese Substanz, Sunitinib genannt, wird sowohl beim metastasieretn Kolonkarzinom als auch beim metastasierten Mammakarzinom untersucht. Beim in die Leber metastasierten Kolonkarzinom wird Sunitinib zusammen mit der Standardchemotherapie FOLFIRI (eine Kombination bestehend aus Irinotecan, 5-Fluoruracil und Folinsäure) verabreicht. Beim metastasierten Mammakarzinom wird das Sunitinib als Monotherapie (das heißt Behandlung mit einem einzigen Medikament) nach Anthrazyklin und Taxoid Chemotherapien eingesetzt. Der Wirkstoff wird in Form von Tabletten verabreicht, was einige Patienten bevorzugen.

Was wird mit einer klinischen Studie untersucht?
Im Rahmen von Phase I Studien wird die Verträglichkeit geprüft. Ziel ist es, das gesamte Hauptnebenwirkungsspektrum und seine Abhängigkeit von der Dosis in Erfahrung zu bringen, um für weitere Studien eine optimale Dosierung zu empfehlen. Parallel dazu wird auch nach antitumoralen Effekten Ausschau gehalten, um erste Hinweise zu bekommen, bei welchen Tumoren dieses Medikament weiterentwickelt werden soll. Mit Phase II Studien (die Kolonkarzinomstudie ist eine solche) wird ein neues Medikament oder eine neue Kombination bei einem genau definierten Tumor (hier Dickdarmkrebs mit Lebermetastasen) geprüft. Ziel ist es, herauszufinden, was am Tumor sich wie schnell verändert. Phase III Studien sind immer vergleichende Studien: Zwei oder mehrere Therapievarianten werden zeitgleich bei verschiedenen Patientengruppen in vielen Behandlungszentren (oft weltweit) angewandt und in ihren Wirkungen verglichen. Ziele dieser Studien sind die Erfassung von Zeiträumen wie Gesamtüberleben und Leben ohne Zunahme des Tumors. Die Studie beim Mammakarzinom ist eine Phase III Studie. All diese Schritte sind notwendig, bevor ein neues Medikament zugelassen werden kann.

Welche Nebenwirkungen wurden bei Patienten beobachtet, die mit Kinase-Inhibitoren behandelt wurden?
Das Nebenwirkungsspektrum des Multikinase-Inhibitors ist weitestgehend bekannt, weil diese Substanz bereits seit zwei Jahren für zwei seltenere Tumoren (Nierenzelltumor und Stromazelltumor) zugelassen ist und inzwischen schon viel Anwendungserfahrung vorliegt. Generell ist eine Hauptnebenwirkung die Fatigue (Abgeschlagenheit, Antriebsarmut, Kraftlosigkeit). Sunitinib kann ferner Nebenwirkungen auf den Verdauungstrakt, das Herz, die Haut und die Blutbildung haben. Gegebenenfalls kann diese Therapie jedoch auch mit Dosismodifikationen so individuell angepasst werden, dass sie mit klinischem Nutzen für den Patienten sinnvoll ist. Kinase-Inhibitoren ohne Nebenwirkungen gibt es leider nicht. Kinase-Inhibitoren sind letztendlich zytostatisch, das heißt sie hemmen das Zellwachstum. Die klassischen Chemotherapien hingegen sind zytotoxisch wirksam, das heißt es handelt sich um Zellgifte, welche die Zellen schädigen beziehungsweise abtöten.  
An der Studie mit dem Aurorakinase-Inhibitor können Patienten teilnehmen, für die es keine Standardtherapie gibt oder die diese nicht vertragen. An der Studie mit Sunitinib und FOLFIRI können nur Patienten mit Dickdarmkrebs teilnehmen, die noch nie in der metastasierten Situation behandelt wurden.  An der Studie mit Sunitinib beim metastasierten Mammakarzinom können nur Patientinnen teilnehmen, die mit Anthrazyklinen und Taxoiden vorbehandelt wurden und dabei ein Fortschreiten ihrer Erkrankung erlebt haben.

Die Fragen stellte Barbara Riess
Kommunikation & Öffentlichkeitsarbeit
Klinik für Tumorbiologie

 

neue medikamente gegen krebs mross 

PD Dr. med. Klaus Mross
Geschäftsführender Oberarzt
Leiter Klinische Studien
Klinik für Tumorbiologie

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