Kinase-Hemmer

Ein wichtiger Schritt zur zielgerichteten Tumortherapie

Dr. rer. nat. Christoph Schächtele, Klinik für Tumorbiologie

2001 wurde ein neues Medikament zur Behandlung der chronisch myeloischen Leukämie (CML) zugelassen, das die Behandlungserfolge bei diesem Krankheitsbild dramatisch verbessert hat. Mit Imatinib, so lautete der Name des neuen Wirkstoffs, kam der erste Vertreter einer Gruppe von Medikamenten auf den Markt, die als Kinase-Hemmer bezeichnet werden. Seither haben sieben weitere Kinase-Hemmer die Zulassung als Medikamente für die Krebstherapie erhalten.



Proteinkinasen, die oft auch einfach nur als Kinasen bezeichnet werden, sind eine Gruppe von miteinander verwandten Eiweißmolekülen, die in der Zelle für das An- und Abschalten vieler Zellfunktionen verantwortlich sind. Zu den wichtigsten Vorgängen, die durch Proteinkinasen gesteuert werden, gehören das Zellwachstum, die Zellteilung und der Zelltod. Mehr als 500 Gene des menschlichen Erbgutes enthalten Baupläne von Proteinkinasen. Die Summe aller Kinasen im menschlichen Körper wird Kinom genannt (in Anlehnung an die Bezeichnung Genom für die Summe aller Gene). Welche Kinasen jeweils in einer bestimmten Zelle tatsächlich produziert werden und ihre spezifische Aufgabe ausführen, hängt vom Zelltyp und vom Entwicklungsstadium einer Zelle ab. Fehlerhafte Proteinkinasen sind die Ursache von zahlreichen Erkrankungen. Am besten Bescheid weiß man bisher über die Rolle von Proteinkinasen bei der Entstehung von Krebs. 30 bis 100 verschiedene Proteinkinasen werden nach dem aktuellen Forschungsstand mit verschiedenen Krebsformen in Zusammenhang gebracht. Die Entwicklung von Kinase-Hemmern ist deshalb weltweit das zurzeit am stärksten bearbeitete Forschungsgebiet der Krebsforschung.

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Kinase-Hemmer werden heutzutage als innovative Krebsmedikamente nicht nur zur Behandlung von Leukämien eingesetzt (zum Beispiel Imatinib, Dasatinib, Nilotinib), sondern finden auch bei der Therapie verschiedener solider Tumore Anwendung. Für Patienten mit fortgeschrittenem Nierenzellkarzinom stehen Sorafinib und Sunitinib (siehe Artikel S. 13) als sogenannte Multikinase-Hemmer zur Verfügung (diese hemmen nicht nur eine an der Entstehung von Krebs beteiligte Kinase, sondern gleich drei bis fünf Kinasen, die bei der Krebsentwicklung eine Rolle spielen). Bei der Behandlung von Brustkrebs wird der Kinase-Hemmer Lapatinib in den USA bereits eingesetzt; seine Zulassung in Europa wird in Kürze erwartet. Für das nichtkleinzellige Bronchialkarzinom und das Pankreaskarzinom ist seit einigen Jahren Erlotinib zugelassen. Darüber hinaus werden zurzeit weltweit mehr als 800 klinische Studien durchgeführt, bei denen Kinase-Hemmer allein oder in Kombination mit Zytostatika auf ihre Wirksamkeit geprüft werden. Es kann also erwartet werden, dass in den nächsten Jahren eine Reihe weiterer Kinase-Hemmer für die Therapie ganz verschiedener Tumortypen zur Verfügung steht.

Seit der Eröffnung der Klinik für Tumorbiologie vor 15 Jahren arbeiten Wissenschaftler in den Forschungsetagen an der Entwicklung von Kinase-Hemmern. Im Jahre 2001 wurde der Forschungsbereich ProQinase gegründet, der sich mit fast 40 Mitarbeitern ausschließlich auf dieses Schwerpunktthema konzentriert. Bereits 220 verschiedene biotechnologisch produzierte Proteinkinasen stehen den Forschern für ihre Arbeit als tiefgefrorene Proben zum Auffinden neuer Wirkstoffkandidaten mit Hilfe von Laborrobotern zur Verfügung.

Aus einer Vielzahl von getesteten Molekülen konnten in den vergangenen Jahren zwei Substanzen aufgefunden werden, die im Labor so wirksam erscheinen, dass sie eine Chance haben, in absehbarer Zeit in einer klinischen Prüfung erprobt zu werden.

 

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Dr. rer. nat. Christoph Schächtele
Direktor Forschungsbereich ProQinase,
Klinik für Tumorbiologie

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