Fit für zu Hause

Die Rehabilitation als Vorbereitung auf die Herausforderungen des Alltags


Peter Hochuli
Dr. med. Johannes Schmid
Gloria Thieme

Die Rehabilitation signalisiert für viele Krebsbetroffene das Ende Ihrer akuten Therapiephase. Die Freude darüber wird jedoch oft durch Folgestörungen der Behandlung überschattet. Diese sind häufig noch sichtbar (zum Beispiel Körperbildstörungen durch Organverlust, Narben, Haarverlust, Gewichtsveränderungen) oder spürbar (Fehlen von Kraft, Ausdauer und Konzentrationsvermögen, Schmerzen, Erschöpfung, Schlafstörungen, Angst vor sozialer Not oder Tumorrückfall). Diese Einschränkungen können dazu führen, dass sich Patienten wenig attraktiv und liebenswert fühlen und dies wiederum beeinträchtigt die Lebensqualität nachhaltig.

Ziel der Rehabilitation ist es, in Gesprächen, Seminaren oder Gruppenarbeit Wissen zum Verständnis und gegebenenfalls auch zur Akzeptanz der Folgestörung zu vermitteln und durch Beratung zu Therapiemöglichkeiten und Tipps zum Umgang damit die Therapiefolgen zu lindern. Das ist eine Aufgabe des gesamten therapeutischen und pflegerischen Teams.

Der Reha-Aufenthalt ist eine Art Übungsfeld für zu Hause. Hier darf man Therapieverfahren und deren Wirkung erproben und in einem „geschützten Rahmen“ sich auch mal mit ganz kurzen Haaren oder sonstigen „Makeln“ (wie Narben, Korsetts, Orthesen, Amputationen, künstlichen Ein- und Ausgängen) unter Menschen trauen und dabei erleben, dass niemand darüber „geschockt“ ist.
Wenn Patienten über die Behandlungen sprechen, die sie durchgemacht haben, so stellen sie ganz häufig die Frage: „Und was kann ich sonst noch tun?“ Mit dieser Frage haben sie nicht nur die Einschränkungen der Lebensqualität im Blick, sondern auch die dauerhafte Überwindung der Tumorerkrankung. Der Wunsch, wieder an das körperliche Leistungsniveau von vor der Erkrankung anzuknüpfen, steht für die meisten Patienten an erster Stelle. Dies kann nur gelingen, wenn die Versorgung des Organismus mit Nähr- und Aufbaustoffen gewährleistet ist. Die Elemente Sport-/Bewegungstherapie und Ernährungsmedizin sind deshalb – mit gutem Grund - neben den zahlreichen anderen rehabilitativen Therapieangeboten, von ganz zentraler Bedeutung.

fit fuer zuhauseDie Erstellung eines individuellen körperlichen Aufbauprogramms ist abhängig von der Grunderkrankung, vom aktuellen Leistungsniveau, von bestimmten medizinischen Voraussetzungen, von Vorlieben des Patienten für ein bestimmtes Bewegungsmuster aber auch von bestehenden körperlichen Einschränkungen. Günstig ist eine Beratung durch den betreuenden Arzt oder durch einen diesbezüglich geschulten Sporttherapeuten.

Das Trainingsprogramm darf dabei nicht nur während der „idealen“ Situation in der Rehabilitation funktionieren, sondern muss auch in den Alltag und die Lebenssituation des Patienten integriert werden können. Nur wenn das Training konsequent unter Alltagsbedingungen stattfindet, ist es nachhaltig erfolgreich.

Für viele Patienten ist es schwierig, das richtige Trainingsniveau einzuschätzen. Sie orientieren sich an Leistungen, die vor der Erkrankung normal waren und bemerken oft schmerzvoll, dass sie weit davon entfernt sind. Schwierig wird es, wenn versucht wird, dieses Leistungsniveau zu erzwingen. Sportmediziner und –therapeuten wissen, dass bei übermäßigem Training sogar ein Leistungsverlust eintritt. Generell gilt: je geringer das Ausgangsniveau ist, umso häufiger am Tag muss man kleine Trainingseinheiten durchführen. Die Kontrolle der Pulsfrequenz kann dabei eine wertvolle Hilfe sein.

Mittlerweile gibt es mehrere wissenschaftliche Übersichtsarbeiten, die klar belegen, dass ein regelmäßiges körperliches Trainingsprogramm die Leistungsfähigkeit und die Körperfunktionen erheblich verbessert. Nebenbei lassen sich dadurch auch noch positive Effekte für das Körperbild, das Selbstwertgefühl, das psychische Befinden und damit für die Lebensqualität erzielen.

fit fuer zuhauseFür Patienten nach Erkrankungen des Magen-Darmtraktes stehen die Krankheits- und Therapie-Folgestörungen auf das Verdauungssystem ganz im Vordergrund. Eine Begleitung durch Pflegekräfte und Diätassistenten ist erforderlich, um sich auf die veränderte Ernährungssituation einzustellen (Portionsgröße, Nahrungsmittelauswahl, Häufigkeiten der Mahlzeiten, gegebenenfalls ergänzende Medikamentengabe). Die Kontrolle der Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr, des Körpergewichts und auch der Körperausscheidung ist zur Vermeidung von Mangelernährung und Verdauungsstörungen unerlässlich. Bei Problemen der Umsetzung der Theorie in die Praxis ist zur Überwachung und begleitenden Beratung die Pflege durch ihre Nähe zum Patienten in der besten Position, dessen Wissen zu vertiefen.

Die ausreichende Versorgung mit Energie-, Aufbau- und Vitalstoffen ist natürlich auch die Grundvoraussetzung für einen Konditions- und Muskelzuwachs. Der erhöhte Energiebedarf eines Aufbautrainings muss dabei berücksichtigt werden. Die Ernährungstherapie trägt dazu bei, dass der körperliche Aufbau funktionieren kann und unterstützt dadurch die Besserung der eingeschränkten Lebensqualität.

Aber auch für Patienten ohne spezifische Ernährungsstörung ist das Thema Ernährung oft wichtig. Aus zahlreichen epidemiologischen Untersuchungen wissen wir, dass gesunde Ernährung das Risiko an Krebs zu erkranken verringern kann. Viele Patienten kommen mit dem Wunsch, ihre Ernährung zu ändern, um Einfluss auf das Wiedererkrankungsrisiko zu nehmen. Eine Reihe von Untersuchungen zeigt, dass neben einer gesunden Ernährung der Erhalt des Normalgewichts dabei von großer Bedeutung ist. Schwieriger ist es, eine geänderte Ernährungsform dauerhaft in den Alltag zu integrieren – gerade wenn nicht nur eine Person, sondern gegebenenfalls eine ganze Familie sich darauf einstellen muss. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass sich durch ein Schulungsprogramm, wie es in Reha-Kliniken eingesetzt wird, die Aufnahmemenge von Obst und Gemüse verbessern und die Fettaufnahme verringern lässt. Der Einfluss auf das Körpergewicht war dabei jedoch gering.

Eine Untersuchung aus dem Jahr 2007 hat eine neue Sichtweise über den Stellenwert von  Sport und Ernährung nach Krebs gegeben: knapp 1500 Frauen mit Brustkrebs wurden nach der Behandlung über zehn Jahre engmaschig beobachtet. Es erfolgte eine Einteilung in vier Gruppen entsprechend der körperlichen Aktivität und des Ernährungsverhaltens: Einer Gruppe, die sich weder besonders gut ernährt hat noch besonders körperlich aktiv war wurden Gruppen gegenübergestellt, die sich gesund ernährten (> 5x Obst/Gemüse/Tag), die körperlich sehr aktiv war (6 x 30 Minuten Training/Woche) oder die beides zugleich umsetzten. Die letzte Gruppe war die einzige, die im Vergleich mit den drei anderen Gruppen einen statistisch belegten Überlebensvorteil hatte. Dabei spielte das Körpergewicht keine Rolle!

Fazit: Die Bewegungstherapie und eine gesunde Ernährungen nehmen Einfluss auf die Kondition, das psychische Befinden und auf die Lebensqualität. Kombiniert man bei Frauen nach Brustkrebs die gesunde Ernährung mit einer regelmäßigen körperlichen Aktivität, dann hat das einen tumorspezifischen Effekt und reduziert das Rückfallrisiko – ganz unabhängig vom aktuellen Körpergewicht. Das ist zugleich eine Antwort auf die Frage: „Und was kann ich sonst noch tun?“

 

Peter Hochuli
Sporttherapeut

Dr. med. Johannes Schmid
Oberarzt

Gloria Thieme, GKP
Klinik für Tumorbiologie

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