Her2/neu und Brustkrebs

Bei wem wirkt die Therapie? – Die Rolle der Biomarker


Dr. med. Marc Azémar

Die Krebsforscher arbeiten seit Jahren daran, neue zielgerichtete Therapien zu entwickeln, in der Hoffnung, die Nebenwirkungen gering zu halten, die Wirkung für die Patienten zu verbessern und die Überlebenszeit zu verlängern. Leider kann bislang kein Test mit Sicherheit voraussagen, ob die eingeleitete Therapie einen Einfluss auf das Gesamtüberleben haben wird. Aber es gibt Marker im Gewebe oder im Blut, die helfen können, diejenigen Patienten herauszufinden, die mit hoher Wahrscheinlichkeit einen Überlebensvorteil durch die Therapie haben.

Es ist heute möglich, mit Hilfe des Materials, das aus verschiedenen Gewebeteilen des Körpers gewonnenen wird, eine Menge an Informationen zu erhalten und am Computer auszuwerten. Erste hoffnungsvolle Ansätze deuten sich für Frauen mit Brustkrebs an. Für sie ist es vielleicht in nicht allzu ferner Zukunft möglich, das Risiko eines erneuten Auftretens der Tumorerkrankung so sicher vorauszusagen, dass denjenigen, für die das Risiko nicht besteht, eine Chemotherapie nach der Operation erspart werden kann. Bei einer anderen Fragestellung profitieren Frauen mit Brustkrebs schon seit einiger Zeit durch die Messung von Biomarkern. Bereits seit längerem gibt es nämlich einen Biomarker, der zuverlässig voraussagen kann, ob eine Frau mit Brustkrebs von einer Hormontherapie profitieren wird. Es handelt sich um die Rezeptoren für Östrogene oder Gestagene am Tumor.

Ebenfalls seit einigen Jahren kennt man einen weiteren Rezeptor an der Oberfläche von Brustkrebszellen, der eine wichtige Voraussage erlaubt. Es handelt sich um den Rezeptor Her2/neu, der  Aufschluss darüber gibt, ob die Patientinnen sinnvoll mit dem Antikörper Trastuzumab behandelt werden können. Dieser Rezeptor tritt in überhöhter Menge bei etwa 20 bis 25 Prozent der Frauen mit bösartigen Brusttumoren auf. Die Patientinnen haben durch den Einsatz des Antikörpers Trastuzumab einen deutlichen Nutzen sowohl hinsichtlich des Ansprechens auf die Therapie als auch in Bezug auf das Überleben. Die Menge des Her2/neu-Proteins ist also ein hilfreicher Biomarker. Allerdings stellt man fest, dass diese Voraussage nicht immer für jede einzelne Patientin zutrifft. Es gibt Betroffene, die trotz deutlich erhöhter Mengen von Her2/neu Rezeptoren nicht von einer Therapie mit Trastuzumab profitieren. Die Ursachen sind vielfältig. Sie liegen zum einen in der Komplexität der Biologie, zum anderen in den Untersuchungsmethoden, die sehr anfällig und noch nicht weltweit standardisiert sind. Trotzdem stellt diese Möglichkeit, aufgrund des Biomarkers Her2/neu, eine zielgerichtete Therapie zu starten, einen großen Fortschritt für viele Frauen mit Brustkrebs dar.

Nun gibt es noch viele andere Tumorerkrankungen, für die die Forscher ebenfalls nach Biomarkern suchen, die bei der Therapieentscheidung helfen können. Dazu gehört der EGF-Rezeptor (Epidermal Growth Factor Rezeptor). Dieser wird bei einer Reihe von Tumoren gefunden, insbesondere bei Darm- und Lungentumoren. Auch dagegen hat man zielgerichtete Therapien entwickelt, sowohl mit Antikörpern als auch mit Kinase-Hemmstoffen, welche die Zellen gezielt an diesen Rezeptoren angreifen. Allerdings musste man feststellen, dass der Nachweis dieses Rezeptors als Biomarker nicht sehr verlässlich ist, weil die im Gewebe gefundene Menge nicht unbedingt mit der Wirkung der Behandlung einhergeht. All dies bedeutet, dass der Forschungsbereich Biomarker weiterhin sehr spannend bleibt und in Zukunft weiter an Bedeutung gewinnen wird.

 

her2 azemar

Dr. med. Marc Azémar
Oberarzt
Klinik für Tumorbiologie

 

Stichwort: Supportive Therapien

Als supportive Therapien werden unterstützende Verfahren bezeichnet, die nicht primär der Heilung einer Krebserkrankung dienen, sondern zum einen den Heilungsprozess durch zusätzliche Behandlung fördern oder bestimmte Nebenwirkungen und Folgestörungen der Krebsbehandlung  lindern und zum andern die Lebensqualität verbessern sollen. Zu den klassischen supportiven Therapien gehören unter anderem Ernährungstherapie, psychosoziale Unterstützung, Schmerztherapie und die komplementärmedizinischen Verfahren. Sie können zur Ergänzung der schulmedizinischen Behandlung eingesetzt werden.  

Stichwort: Adjuvante Therapie

Unter adjuvanter Therapie versteht man eine zusätzliche Chemo- oder Strahlentherapie bei Krebspatienten, deren Tumor bereits operativ entfernt wurde. Die adjuvante Therapie kann das Wiederauftreten beziehungsweise die Metastasenbildung eines Tumors verhindern oder zumindest die Zeit bis zu einem Rückfall (Rezidiv) verlängern. Die adjuvante Therapie wird oft bei Patienten angewandt, bei denen eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, dass nach der Erstbehandlung ein Rückfall auftritt.

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