Leitlinie zur Brustkrebstherapie

Frauen wollen psychoonkologische Beratung

Prof. Dr. phil. Joachim Weis

Das Mammakarzinom ist in den westlichen Industrienationen die häufigste bösartige Erkrankung der Frau, und sie ist wie kaum eine andere Tumorerkrankung mit zahlreichen psychosozialen Folgeproblemen verbunden. Insbesondere sind hier zu nennen die Probleme mit dem Selbstwertgefühl und der weiblichen Identität, Beeinträchtigungen des Körperbildes und der Sexualität, Veränderungen in Partnerschaft, Familie sowie psychische Befindlichkeitsstörungen wie Angststörung, depressive Verstimmungen oder Belastungsreaktionen auf die Erkrankung und Therapie. Das Wissen über psychosoziale Zusammenhänge in der Entstehung, dem Verlauf und der Krankheitsverarbeitung basiert überwiegend auf Forschungsergebnissen, die an Patientinnen mit einem Mammakarzinom gewonnen wurden. Unsere Erkenntnisse in der Frage psychosozialer Belastungen und möglicher Hilfestellungen bauen daher im Wesentlichen auf Studien an Patientinnen mit Mammakarzinom auf, die im Vergleich zu anderen Tumorarten unter psychosozialer Perspektive am häufigsten untersucht worden sind.

Schon frühzeitig wurden gezielte psychotherapeutische und psychoedukative Angebote für Frauen mit Brustkrebs entwickelt und wissenschaftlich evaluiert. Die Mehrzahl der heute bekannten psychoonkologischen Unterstützungsangebote für Krebspatientinnen (vor allem  Einzelberatung, Einzelpsychotherapie, Gruppentherapie, Entspannungstherapien) sind evidenzbasiert auf einem hohen wissenschaftlichen Level begründet. Im Vergleich zu anderen onkologischen Diagnosegruppen sind die Frauen allgemein und schwerpunktmäßig die Brustkrebspatientinnen die häufigsten Inanspruchnehmer derartiger Angebote. Dies kann unter anderem auch mit rollenspezifischen Verarbeitungsstrategien erklärt werden.  

Die interdisziplinäre S3-Leitlinie für die Diagnostik, Therapie und Nachsorge des Mammakarzinoms, die erstmals im Jahre 2004 erschien und im Frühjahr 2008 aktualisiert worden ist, war die erste evidenzbasierte Leitlinie, in der explizit auch psychoonkologische Aspekte in der Diagnostik und Behandlung sowie Patientenaufklärung aufgenommen wurden. Zur Verbesserung der Qualität in der Behandlung wurde die Zertifizierung von Brustzentren eingeführt, in denen die evidenzbasierte S3-Leitlinie in der Diagnostik und Behandlung umgesetzt wird. Hierbei ist eine psychoonkologische Beratung und Betreuung obligatorisch und wird im Rahmen der Zertifizierung auch überprüft. Die durch das Bundesgesundheitsministerium eingeführten neuen Versorgungskonzepte werden unter dem Namen Disease-Management-Programm in der Onkologie modellhaft für das Mammakarzinom erprobt. Auch hier findet sich wieder die notwendige Einbindung einer   psychosozialen Beratung und Betreuung über den gesamten Krankheitsverlauf an zentraler Stelle verankert.

Betrachten wir insgesamt die Entwicklungen über die vergangenen 10 Jahre, so lässt sich sagen, dass wir einen erheblichen Fortschritt in der integrierten psychosozialen Betreuung von Patientinnen mit Mammakarzinom erreicht haben. Nicht zuletzt haben die Patientinnenorganisationen wie beispielsweise die Frauenselbsthilfe nach Krebs e.V. oder Mammazone mit dazu beigetragen, dass die psychosozialen Unterstützungsangebote auch in die gesundheitspolitischen Überlegungen zur Verbesserung der Versorgung von Brustkrebspatientinnen eingearbeitet wurden. Auch im nationalen Krebsplan, wird im Rahmen einer verstärkten patientenzentrierten Behandlung die Verbesserung der psychoonkologischen Betreuung als Zukunftsaufgabe herausgestellt. Wenngleich derartige Angebote nicht flächendeckend in allen Regionen vertreten sind und es nach wie vor Diskrepanzen zwischen den Anforderungen und der tatsächlichen Realisierung von Versorgungsangeboten gibt, gab es hinsichtlich der psychoonkologischen Versorgung gerade bei dieser Zielgruppe einen wesentlichen Fortschritt. Es bleibt zu hoffen, dass trotz erheblicher Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen die erreichten Erfolge der psychoonkologischen Versorgung von Patientinnen mit Mammakarzinom nicht nur erhalten, sondern auch weiterentwickelt werden können.

 

Prof. Dr. phil. Joachim Weis
Leiter Abteilung Psychoonkologie
Klinik für Tumorbiologie

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