Aktuelle Therapien

Behandlungsziele für Erkrankung mit individuell unterschiedlichem Verlauf


PD Dr. med. Klaus Mross

DEN Brustkrebs, DAS eine Mammakarzinom gibt es nicht. Die Tumorbiologie jedes einzelnen Mammakarzinoms ist unterschiedlich und deshalb wird auch das therapeutische Vorgehen durch zahlreiche individualspezifische Faktoren bestimmt. Fakt ist: In Deutschland erkranken jährlich etwa 57.000 Frauen neu an Brustkrebs. Nach Abschluss der Primärbehandlung mit dem Ziel der Heilung erleben zirka 50 Prozent aller Brustkrebspatientinnen eine Fernmetastasierung.

aktuelletherapienDer Verlauf der Erkrankung nach der Diagnose einer Fernmetastasierung ist jedoch außerordentlich variabel und hängt von vielen Faktoren ab (adjuvante Vor-therapie, Lokalisation und Anzahl der Fernmetastasen, eingesetzte medikamentöse, operative und strahlentherapeutische Verfahren). Bekannt sind sowohl außerordentlich kurze Verläufe bei sehr rasch fortschreitender Metastasierung und multipler Therapieresistenz als auch jahrelange Verläufe mit immer wieder therapeutisch gut beeinflussbarem Tumorverlauf, geprägt durch Tumorregressionen und Tumorstabilisierungen.

Was ist, wenn man gar nichts macht? Der spontane Verlauf eines unbehandelten Mammakarzinoms ist aus naheliegenden Gründen aktuell nicht mehr bestimmbar, da in Deutschland nahezu alle Patientinnen eine Therapie erhalten, so dass Brustkrebspatientinnen ohne eine therapeutische Intervention eine extreme Ausnahme sind. Aus dem letzten und vorletzten Jahrhundert sind jedoch Daten aus einem Krankenhaus in England bekannt (1805 bis 1933). Es konnten 250 Krankenakten von Patientinnen mit fortgeschrittenem Mammakarzinom ausgewertet werden, die nie antitumoral behandelt worden waren. 50 Prozent dieser Frauen waren nach 2,7 Jahren verstorben, 95 Prozent der Überlebenden nach neun Jahren. Es gab keine einzige spontane Tumorrückbildung. Ab 1902 wurde eine histologische Differenzierung eingeführt (Grad 1 bis 3). Ein Grad 3 war mit einer schlechten Prognose verbunden, denn die mittlere Überlebenszeit betrug nur 1,8 Jahre. Von den Patientinnen mit einem Grad 1 oder 2 Tumor lebten nach fünf Jahren unbehandelt immerhin noch 22 Prozent.

Heute orientiert sich die Onkologe an folgenden Erkenntnissen: Tumorgröße, Lymphknotenbefall, Fernmetastasen, Hormonrezeptor-, HER2neu (ERBB2) (=EGFR2), Proliferations-Status, feingewebliche Untersuchung (Histologie) sowie zunehmend molekular definierte Biomarker und Genexpressionsanalysen sind bestimmbare Parameter, die das therapeutische Vorgehen beeinflussen und eine Individualisierung der Therapie ermöglichen.

Standard für das diagnostische Vorgehen ist die Qualität der Bildgebung, bestehend aus ein oder zwei Komponenten der drei Verfahren: Sonografie, Mammografie und Mamma-MRT. Für die feingewebliche Diagnosesicherung und die Bestimmung wichtiger prognostischer Biomarker ist eine Stanzbiopsie notwendig. Die therapeutischen Verfahren mit dem Ziel einer Heilung können folgende Behandlungsstrategien umfassen:

  • Durchführung einer tumorrückbildenden Therapie vor der Operation: neoadjuvante Behandlung/primär systemische Therapie (PST),
  • Operation,
  • die Bestimmung des Lymphknotenstatus mittels Entfernung des Wächterlymphknotens (Sentinellymphonodektomie) vor einer primären
  • medikamentösen Behandlung (Primär systemische Therapie oder kurz: PST) oder Operation,
  • gegebenenfalls die Entfernung der Achsellymphknoten,
  • gegebenenfalls eine Bestrahlung der Restbrust und/oder der Lymphknotenstationen
  • gegebenenfalls eine adjuvante Nachbehandlung mit einer Hormon-, Chemotherapie und/oder Anti-HER2neu Antikörpertherapie.


Ist eine Fernmetastasierung eingetreten, dann sind für die Therapieentscheidung folgende Fragen bedeutsam:

  • Liegen isolierte, einzelne Metas-tasen vor?
  • Ist die Metastasierung asymptomatisch?
  • Schränkt die Metastasierung die Körperfunktion und den Allgemeinzustand der Patientin ein?
  • Wie fit und belastbar ist diePatientin (allgemeiner Aktivitätsindex)?


Im ersten Fall ist eine lokal aggressive Therapie (Operation, Strahlentherapie) mit kurativem Ziel einzuleiten. Im zweiten Fall ist eine Hormontherapie oder eine Monotherapie mit einem Zytostatikum zur Prävention von Symptomen angezeigt. Im dritten Fall sind Kombinations-Chemotherapien mit dem Ziel einer Tumorreduktion (Remission) zeitweilig einzusetzen, um eine gute Symptomkontrolle zu erreichen, und im vierten Fall sind bei körperlich nicht belastbaren Patientinnen Monotherapien unter Wahrung der Balance von Effektivität und Toxizität zu verordnen.

Ziel der medizinisch-onkologischen  Behandlung bei lokalem Stadium ist die Heilung. Im metastasierten Stadium gilt es, Stabilität der Tumorerkrankung und Symptomkontrolle mit einem Minimum an Toxizität zu erreichen, damit trotz Metastasen ein Leben mit guter Lebensqualität möglich ist.

 

PD Dr. med. Klaus Mross
Geschäftsführener Oberarzt
Leiter Klinische Studien
Klinik für tumorbiologie

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