„Geheilt“ heißt nicht immer „gesund“

Rehabilitation zielt auf die Behandlung körperlicher und seelischer Folgen der Darmkrebstherapie


Dr. med. Dipl. Psych. Andreas Mumm

Zwar ist in Deutschland Darmkrebs die zweithäufigste Tumorerkrankung, aber es gibt positive Signale. Die Heilungsraten in Europa stiegen von 42 Prozent Ende der 80er-Jahre auf immerhin 49 Prozent Ende der 90er-Jahre.

Geheilt von der Krebserkrankung heißt aber noch nicht unbedingt gesund. Tumor und Tumorbehandlung gehen an Körper und Seele nicht spurlos vorüber. Während einige Betroffene nach der operativen Entfernung des Tumors binnen kurzer Zeit wieder, scheinbar unbeeinträchtigt, in ihrem Alltag stehen, leidet die Mehrheit doch unter mehr oder minder großen Beschwerden. Dazu gehören Nahrungsunverträglichkeiten, Stuhlunregelmäßigkeiten und Stuhlinkontinenz sowie Bestrahlungsfolgen bei Enddarmkrebs wie zum Beispiel Erektionsstörungen, Blasenentzündung oder Schleimhauttrockenheit. Auf der psychischen Ebene sind Verunsicherung, Ängste und die Suche nach Orientierung verbreitete und normale Reaktionen.

geheiltWährend die Akutmedizin auf den Tumor fokussiert ist, zielt Rehabilitation auf die körperlichen und seelischen Krankheits- und Therapiefolgen. Eine deutliche Belastung kann zum Beispiel die Anlage eines künstlichen Darmausgangs darstellen, die jedoch nur im Ausnahmefall notwendig ist. Spezialisierte Pflegekräfte, so genannte Stomatherapeuten, und verbesserte Materialien zur Versorgung von Stomata haben zu einer deutlichen Verbesserung der Lebensqualität der Betroffenen geführt. Neue Chemotherapeutika und neuerdings auch Antikörper haben die Therapiemöglichkeiten der Darmkrebserkrankung erweitert. Neben verbesserten Operationsverfahren haben sie wesentlichen Anteil am allgemeinen Behandlungsfortschritt. Aber diese neuen Möglichkeiten haben nicht nur ihren monetären Preis. Taubheitsgefühle, „Ameisenlaufen“, typische Schmerzen oder auch Entzündungen an Hand- und Fußflächen sind charakteristische Folgen einiger neuer, tumorwirksamer Substanzen. Diagnostisch spricht man von einer Polyneuropathie oder einem Hand-Fuß-Syndrom. Die Behandlung bezieht medikamentöse, pflegerische, physio- und ergotherapeutische Maßnahmen mit ein.

Große Bedeutung haben Informationen und Hilfen zur Änderung ungünstiger Lebensgewohnheiten. Die Ernährung spielt dabei eine besondere Rolle. Zum einen besteht häufig die Notwendigkeit, Ernährungsgewohnheiten wegen Nahrungsunverträglichkeiten oder zur Regulierung der Verdauung zu verändern, zum anderen hat die Ernährung einen Stellenwert in der Rezidivprophylaxe. Das Deutsche Institut für Ernährungsforschung in Potsdam schätzt, dass über 50 Prozent aller Darmkrebserkrankungen bei einer ernährungsphysiologisch optimalen Ernährung vermeidbar wären.
Man geht davon aus, dass bei etwa drei Prozent der Betroffenen eine erbliche Disposition für Dickdarmkrebs vorliegt. Hinweise können sich aus der Familienanamnese ergeben. Bei den Gesprächen zu dieser Thematik geht es nicht nur um die eigene Betroffenheit, sondern auch um die Sorge um die nächsten Angehörigen.

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Eine wichtige Aufgabe der Rehabilitation ist es, die Therapiefolgestörungen zu behandeln. Dazu gehört auch die Polyneuropathie. Hierbei handelt es sich um Missempfindungen und Taubheitsgefühle an Händen oder Füßen, die mit besonderen ergotherapeutischen Übungen verbessert werden können.

Auf Seiten der Therapeuten sind Sachkenntnis und ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen erforderlich. Bei der psychoonkologischen Behandlung mischen sich darmkrebsunspezifische mit darmkrebsspezifischen Problemen. Eine Tumorerkrankung stellt für fast jeden Menschen eine besondere Belastung dar. Die individuelle Problematik hängt ab von der Persönlichkeit, der Biographie, der sozialen Situation und dem Ausmaß der Erkrankung. Dazu können im Einzelfall darmkrebsspezifische Probleme hinzukommen, wie Inkontinenz oder ein Stoma, welche die Lebensqualität wesentlich beeinträchtigen können. Im Alltag ist aber immer wieder beeindruckend wie unterschiedlich Menschen mit vergleichbaren Erkrankungssituationen zurecht kommen.

geheiltViele Betroffene beschäftigen sich – nach Beendigung der schulmedizinischen Behandlung oder begleitend zu ihr - mit den Möglichkeiten einer naturheilkundlichen oder komplementären Therapie. Um zu klären, was für den jeweiligen Patienten hilfreich sein kann, geht es zunächst darum, im Gespräch dessen Bedürfnisse kennenzulernen, Informationen über Behandlungsmöglichkeiten zu geben sowie gemeinsam eine sinnvolle Lösung zu besprechen und einzuleiten.

Auch die Vorbereitungen für die Rückkehr ins Privat- und Arbeitsleben haben ihren Platz in der Rehabilitation. Dies kann notwendige Änderungen im häuslichen Umfeld oder die Organisation von Hilfen bedeuten. Ebenso müssen Fragen des Sozialrechts geklärt werden.
Erläuterungen über Sinn und Ziel der Nachsorge. Klärung wann, wie und wo die Nachsorgebehandlung durchgeführt werden soll, runden die Rehabilitation ab.


Dr. med. Dipl. Psych. Andreas Mumm
Oberarzt
Klinik für Tumorbiologie

 

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