Komplementäre Verfahren bei der Behandlung von Krebs

Chance auf bessere Verträglichkeit aggressiver Therapien


Dr. med. Marc Azémar

Angesichts der Nebenwirkungen, welche die klassische Krebsbehandlung und auch die modernen, zielgerichteten Therapien zur Folge haben können, ist es nur allzu verständlich, dass Patienten nach  weniger aggressiven Verfahren verlangen. Bis hier Erfolge zu verbuchen sind, bleibt nur die Möglichkeit, die klassische Krebstherapie durch Verfahren zu ergänzen, welche die Nebenwirkungen abschwächen, die Abwehrkräfte stärken und die körpereigenen Ressourcen fördern. Und diese Chance sollte unbedingt genutzt werden.

Integrative, komplementäre Verfahren sind als wesentlicher Bestandteil der Behandlung von Patienten mit bösartigen Erkrankungen anzusehen. Sie müssen unbedingt mit Patienten besprochen und individuell abgestimmt werden.
Das Spektrum der sogenannten komplementären, die Standardtherapie ergänzenden Verfahren ist breit und bisweilen schillernd: Katzenkralle, Ackerwinde, fermentierte Weizenkleie, Shiitake oder Maitake, Weihrauch, Echinacin, Algenextrakte, Noni Saft oder Aloe Vera und grüner Tee sind nur einige Beispiele von Angeboten für die in wissenschaftlichen Arbeiten immunmodulatorische, das heißt abwehrstärkende Eigenschaften, beschrieben werden.

Große randomisierte klinische Studien sind allerdings nicht geeignet, um die Wirksamkeit solcher Verfahren im „klassischen Sinne“ zu prüfen. Die klinische Anwendung beruht ausschließlich auf Erfahrung und ist somit an die individuellen Erfordernisse eines jeden einzelnen Patienten gezielt anzupassen. Voraussetzung ist eine gewissenhafte und fundierte ärztliche Beratung. Nur so kann ausgeschlossen werden, dass die ergänzende Behandlung mehr schadet als nützt.

komplementaere verfahrenBewährte komplementäre Verfahren

Welches Verfahren zum Einsatz kommt, hängt nicht zuletzt stark vom geographischen, kulturellen und historischen Umfeld ab. So hat zum Beispiel die Misteltherapie als Naturheilmittel eine sehr lange Tradition in der europäischen Medizin, insbesondere bei der ergänzenden Tumortherapie. Sie ist geprägt durch die anthroposophische Heilkunde, gilt als abwehrstärkende Maßnahme und sollte in jedem Fall mit Krebspatienten besprochen werden.

Antioxidantien fangen freie Radikale ab und können damit belastende Nebenwirkungen von Strahlen oder Chemotherapien erheblich lindern ohne die Wirkungen dieser Behandlungen gegen die Tumorerkrankung zu beeinträchtigen. Omega-3-Fettsäuren können durch ihre entzündungshemmenden Eigenschaften Gewichtsverlust und Fatigue entgegenwirken. Proteolytische Enzyme haben in verschiedenen Experimenten antitumorale Eigenschaften gezeigt und sind gegen entzündliche Veränderungen wirksam, die bei Strahlen- oder Chemotherapien auftreten. Mikrobiologische Therapien können über ihren schützenden und stimulierenden Einfluss auf die Darmschleimhaut die Nebenwirkungen von Therapien ebenfalls lindern und immunmodulierend wirken. Es gibt Hinweise, dass sogenannte modifizierte Citrus Pektine durch ihre Bindung an Galektine auf der Oberfläche von Tumorzellen den Metastasierungsprozess beeinflussen können ebenso wie das Wachstum von Tumorzellen. Milz-Leber Peptide, Thymusextrakte werden schon sehr lange als „Immunstimulantien“ gehandhabt.

Professionelle Beratung

Patienten, die mit ergänzenden Therapien etwas für sich selbst tun wollen, sind angesichts der Fülle und Unübersichtlichkeit der Angebote oft verunsichert und haben viele Fragen. Welche Rolle spielen Trauben oder Aprikosenkerne, ist Vitamin B17 sinnvoll? Hat eine Behandlung mit Eigenblut oder die Ozontherapie eine Bedeutung? Welche Form der Darmsanierung ist vertretbar? Spielen Elektrotherapie oder Magnetfelder eine Rolle und welche? Gibt es sinnvolle Impfstrategien gegen Krebserkrankungen? Sind dendritische Zellen eine etablierte Immuntherapie? Welche Bedeutung hat die Hyperthermie? Es gehört zu den Aufgaben der Onkologen, die Patienten mit diesen Fragen nicht allein zu lassen. Nur so kann eine individuelle Behandlungsstrategie aufgebaut werden, die es dem Patienten erlaubt, die schwierigen Herausforderungen seiner Krebsbehandlung besser zu bewältigen.

 

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Dr. med. Marc Azémar
Oberarzt
Klinik für Tumorbiologie

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