Transparenz und Sicherheit für den Patienten

Auch das Gespräch und die Beratung sind Teil der Therapie


Solveig Dietrich, GKP
Dr. med. Lars Pletschen

„Uns Mediziner interessiert allein die Krankheit im Menschen, nicht der Mensch in der Krankheit“, so kritisierte einst Prof. Dr. Gerd Nagel, Initiator der Klinik für Tumorbiologie, eine früher nur allzu geläufige Denkweise in der Onkologie. Dieser pathotropen, das heißt krankheitszentrierten Denkweise nicht anheimzufallen, gehört zur Philosophie der Klinik für Tumorbiologie. Demzufolge ist es eine wesentliche Aufgabe des Behandlungsteams (Ärzte, Pflege, Psychologen, Seelsorger, Sozialarbeiter, Physiotherapeuten), die Sorgen und Ängste der Patienten bereits im Vorfeld der Behandlung wahrzunehmen und Unterstützung bei der Krankheitsverarbeitung zu geben.

Erklärtes Ziel der ganzheitlich-individuellen Beratung durch Ärzte und Pflegepersonal ist es, dem Patienten die für die Behandlung notwendige Sicherheit und Autonomie zu vermitteln. Die Durchführung einer Chemotherapie erfordert zum Beispiel vom Patienten ein hohes Maß an Bereitschaft, aktiv an den therapeutischen Maßnahmen mitzuwirken. Dies ist zweifelsohne von einem aufgeklärten und der Behandlung gegenüber positiv eingestellten Patienten eher zu erwarten. Das Aufklärungsgespräch ist ein wesentliches Element der therapiebegleitenden Beratung.

transparenzIn der Verarbeitung ihrer Erkrankung nehmen viele Patienten heute schon während der Therapie eine wesentlich aktivere Position ein als noch vor einigen Jahren. Dies ist eine wichtige und gewünschte Voraussetzung für die Akzeptanz der Behandlung. Daher ist der Patient auch auf ein hohes Maß an Informationen durch die Pflege und Ärzte angewiesen. Um die diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen nachvollziehen zu können, muss ihm das Vorgehen seitens der Behandelnden transparent erscheinen. Die Vermittlung dieser für den Patienten so wichtigen Informationen erfordert gut geschulte kommunikative Fähigkeiten. 

Die praktische Ausrichtung der Beratung von Seiten der Pflege dient dazu, dem Patienten zu ermöglichen, aktiv etwas für das eigene Wohlbefinden zu tun und prophylaktisch eventuell auftretende Begleiterscheinungen einer Therapie zu mildern oder bereits im Vorfeld zu verhindern. Es geht insbesondere darum, konkrete Maßnahmen anzubieten, die individuell auf die Bedürfnisse des Patienten und dessen Ziele zugeschnitten werden, als eine Anleitung zur Eigenverantwortung für die Gesundheit. Hierbei nehmen die komplementär-medizinischen Methoden einen großen Bereich ein. Dies sind Methoden, die die Schulmedizin unterstützen und ergänzen sollen. Dazu gehören die Anwendungen von Wickeln, Auflagen oder Einreibungen, das Einsetzen von ätherischen Ölen (Aromatherapie), die Verwendung von Heilpflanzen in Form von Aufgüssen und Tees (zum Beispiel eine die Schleimhaut stabilisierende Spülung als Stomatitisprophylaxe nach Chemotherapie oder Bestrahlung, Teemischung bei Schlafstörungen und zur Beruhigung, Aufgüsse zur Vermeidung von Übelkeit und Erbrechen). Es werden vor allem Verfahren vorgestellt, die der Patient auch alleine zu Hause anwenden kann.

Da Patienten häufig wünschen, selbst einen Teil zur Therapie beitragen zu können, sei es durch Änderung der Ernährungsgewohnheiten, durch unkonventionelle Begleittherapien oder „lifestylemodification“, wird ihnen auch eine ernährungsmedzinische Beratung angeboten. Sie erhalten Anregungen und praktische Tipps für den Alltag. Da zirka 50 Prozent der bundesdeutschen Gesamtbevölkerung komplementärmedizinische Methoden anwenden, ist es für den Onkologen wesentlich, diesbezüglich gezielt nachzufragen. Es gilt einerseits, potentielle Wechselwirkungen mit einer zytostatischen Behandlung zu erfassen, andererseits dem Wunsch des Patienten nach komplementären Therapien im Sinne einer Ergänzung oder Optimierung der Tumortherapie Rechnung zu tragen. Weiterhin sollte im Beratungsgespräch das Bedürfnis des Patienten beziehungsweise die Notwendigkeit einer psychoonkologischen Begleitung herausgefunden werden. Hierzu existiert ein Netzwerk psychosozialer Angebote. Sinnvoll können auch Selbsthilfegruppen und Gesprächskreise sein. Der Patient wird so in seiner ganzen Persönlichkeit angesprochen. Es ist daher nicht nur seine Krankheit von Bedeutung, sondern alle Facetten seines Lebens sind wichtig: sein soziales Umfeld, seine Angehörigen und Freunde, seine Biographie.

Susan Sontag, die kürzlich selbst an einer Tumorerkrankung verstorbene große amerikanische Essayistin, sprach 1978 in ihrem berühmtesten Essay „Krankheit als Metapher“ von der Mystifikation der Erkrankung Krebs. Eben dieser Mystifikation und Dämonisierung von Erkrankung und Therapie gilt es, durch eine komplexe und weitreichende, patientenorientierte Beratung entgegen zu wirken.

 

Solveig Dietrich, GKP
Klinik für Tumorbiologie

 

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Dr. med. Lars Pletschen
Funktionsoberarzt
Klinik für Tumorbiologie

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