Pflege ist mehr als Blutdruck messen

Patienten erwarten einfühlsame Kommunikation, Beratung und Information


Sabine Gärtner,
MSc Pflegewissenschaft
Peter König, Dipl. Pflegewirt (FH), MSc Pflegewissenschaft

Seit den 1990er Jahren haben sich die finanziellen Rahmenbedingungen für die Krankenhäuser stark verändert. Zunehmend werden für bestimmte Leistungen des Krankenhauses feste Preise mit den Kostenträgern vereinbart. Hierauf haben die Krankenhäuser mit verschiedenen Anpassungsstrategien reagiert. Dazu gehören die Reorganisation und Verdichtung von Prozessen, Kooperationen mit anderen Einrichtungen, die Verkürzung der Verweildauer der Patienten und auch der Abbau von Personal. In vielen Krankenhäusern war und ist eine Reduzierung der Stellen auch im Bereich der Gesundheits- und Krankenpflege zu beobachten.

pflegeAus der verkürzten Verweildauer und den unter ökonomischen Kriterien geforderten Kostenkürzungen haben sich die Belastungen und die Aufgabenschwerpunkte des Pflegepersonals verändert. In diesem Zusammenhang muss kritisch hinterfragt werden, ob die Gesundheits- und Krankenpflege unter den veränderten Rahmenbedingungen den Erwartungen der Patienten noch gerecht werden kann.

Die gesundheitspolitische Vorgabe, dass Patienten nur so lange stationär behandelt werden sollen, wie es medizinisch notwendig ist, kommt grundsätzlich den Interessen der Patienten entgegen. Unter der Voraussetzung, dass die Diagnostik und Therapie zügig durchgeführt und abgeschlossen werden, möchten die meisten Patienten schnell wieder nach Hause. Gleichzeitig erwarten Patienten aber auch zu Recht, dass sich die Qualität der Therapie und der Betreuung dadurch nicht verschlechtert.

Zu einer guten Qualität der Betreuung gehört maßgeblich, dass Patienten als individuelle, selbstbestimmte Personen wahrgenommen werden und sich mit ihren Fragen und Bedürfnissen jederzeit an kompetente Mitarbeiter des Krankenhauses wenden können. Denn trotz der Fortschritte in der medizinischen Krebstherapie löst eine Krebserkrankung bei den Betroffenen existentielle Fragen und Ängste aus. Sie erwarten mehr als nur medizinisch-pflegerisches Können. Sie erwarten von Pflegenden die Fähigkeit, sich einfühlsam mit ihren Fragen und Ängsten auseinander zu setzten und mit ihnen in verständlicher Sprache zu kommunizieren. Dieses „für den erkrankten Menschen da sein“ nimmt insbesondere im Bereich der Gesundheits- und Krankenpflege einen hohen Stellenwert ein.

„Gute Pflege“ macht sich nicht nur an der konkreten Verrichtung von pflegerischen Maßnahmen fest, sondern beinhaltet den Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung, die es dem Patienten ermöglicht, sich verstanden und geborgen zu fühlen. Durch die zunehmende Orientierung der Vergütungssysteme an fest definierten Leistungen in Diagnostik und Therapie geraten „unsichtbare Leistungen“ wie Gespräche oder eben Beziehungsarbeit leicht in Vergessenheit. Die Organisation des Arbeitsalltages richtet sich stark nach den funktionalen Erfordernissen, womit sich die Frage stellt, wie groß die Spielräume der Beschäftigten für patientenorientierte Pflege und Betreuung in der Praxis noch sind.

Mit dem Pflegekonzept der Klinik für Tumorbiologie wurde stets angestrebt, die Arbeitsorganisation an den Bedürfnissen und Erwartungen der Patienten auszurichten. Dazu gehört zunächst die grundlegende Annahme, dass Patienten als mündige Partner die Gestaltung des Aufenthalts im Krankenhaus mitbestimmen. Um diesem Anspruch gerecht zu werden, wird der Kommunikation und dem häufigen Austausch mit den Patienten ein hoher Stellenwert eingeräumt. In der praktischen Umsetzung wird der Beratung, Information, Aktivierung und dem Aufbau einer pflegerischen Beziehung besondere Aufmerksamkeit geschenkt.

Beziehungsarbeit bedeutet Investition von Zeit. Die Gesundheits- und Krankenpflege der Klinik für Tumorbiologie ist überzeugt davon, dass diese Zeit gut investiert ist und sich auszahlt. Von der Politik wünschen wir uns, dass die Leistung der „Beziehungsarbeit“ als sinnvolle Investition für die Erhaltung einer guten Qualität bei der Betreuung von Patienten sichtbar anerkannt wird.

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Sabine Gärtner
MSc Pflegewissenschaft
Pflegedienstleitung

Peter König
Dipl. Pflegewirt (FH),
MSc Pflegewissenschaft,
Pflegedienstleitung,
QM- und DRG-Beauftragter
Klinik für Tumorbiologie

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