Spiritualität

Für Patienten und Angehörige:

Seelsorge bietet einen Rahmen für menschliche und spirituelle Orientierung


Erich Hauer, Seelsorger

Wenn ein Seelsorger einen an Krebs erkrankten Menschen in der Klinik besucht, trifft er nicht nur auf einen Patienten, der vielleicht gerade den zweiten Zyklus einer Chemotherapie bekommt, vor zwei Stunden beim Röntgen war und besorgt auf das Ergebnis der Computertomographie vom Vortag wartet. Er begegnet – wenn er Zeit und Aufmerksamkeit mitbringt – zum Beispiel dem einstigen Schreinermeister, der schon vor Jahrzehnten seine Werkstatt aufgeben musste, weil er im Konkurrenzkampf mit den Baumärkten keine Chance mehr hatte, und der zum Glück für sich und seine Familie bis zu seiner Rente eine Anstellung als Bauarbeiter fand. Er sieht in ihm zugleich den Sohn der 94-jährigen Mutter, die noch bei ihm im Haus lebt und schon seit Jahren pflegebedürftig ist. Ebenso begegnet er dem Ehemann, der seine Frau bereits seit Kindertagen kennt und mit ihr zusammen so gerne das goldene Ehejubiläum erreichen möchte. Schließlich bekommt er mit, wie stolz der Vater auf seine Tochter und seine beiden Söhne und die fünf Enkelkinder ist.

spriritualitaet fuer patientenBesucht ein Seelsorger in der Klinik Patientinnen und Patienten, begegnet er ihnen immer in der Einzigartigkeit ihrer Biographie und „Mitwelt“ der Angehörigen. Die Angehörigen – das sind manchmal auch „Wahlverwandte“ wie Freundinnen und Freunde, Lebensgefährtinnen und Lebensgefährten. Sie spielen in der Verarbeitung der Krankheitserfahrung eine wichtige Rolle, auch wenn sie im Klinikalltag als Besucher oft im Hintergrund oder an der Seite stehen. Zugleich sind auch sie durch die Krankheit getroffen und oft ebenso unterstützungsbedürftig wie ihr Familienmitglied. Patienten können in ihrer Individualität nur wahrgenommen und darin bestärkt werden, wenn ihr familiäres Beziehungs- und Erfahrungsfeld beachtet und achtsam einbezogen wird. Für einen Seelsorger ist es deshalb wichtig, gerade auch den Angehörigen Beachtung zu schenken und sie – soweit gewünscht – in seine Arbeit mit einzubeziehen.

Der erste Ort seelsorgerlicher Begegnung ist in der Regel das Krankenzimmer. Aber nicht selten suchen Angehörige auch das Einzelgespräch. Hier geht es dann nicht darum, in seiner Abwesenheit über den Patienten zu sprechen, vielmehr stehen die Not und die Hoffnung, die Fragen und Zweifel der Angehörigen selbst im Mittelpunkt – meist auch ihre religiöse Not und ihre spirituelle Erschöpfung nach Monaten und Jahren intensiver Begleitung durch viele Hochs und Tiefs.

Angehörige sehen sich herausgefordert, immer wieder Wege zu finden, wie sie Zuversicht stärken und zugleich wahrhaftig bleiben können („Ich sehe doch, wie schwer es gerade ist. Kann ich das zeigen und wie sag ich es, dass nicht der ganze Mut verloren geht?“). Sie suchen aufs Neue Halt in ihrem Glauben, der sie über weite Strecken ihres Lebens und Zusammenlebens getragen hat, jetzt aber zu zerbrechen droht („Wie kann Gott, wenn es denn stimmt, dass er uns liebt, das zulassen?“). Sie beschäftigt, wie sie gemeinsam über das Sterben und den Tod sprechen können, damit sie auf eine gute Weise Abschied nehmen („Ich möchte mit meinem Mann über den Tod sprechen und wie es dann weitergeht für ihn und für mich, aber wie soll ich das anfangen?“). Sie machen sich Sorgen, was die noch kleinen Kinder brauchen, damit sie den Verlust ihres Vaters verkraften („Könnten Sie ihm die Anregung geben, dass er unserem kleinen Sohn vielleicht einen Brief schreibt, damit er später noch persönliche Worte seines Vaters hat?“).

Selbstverständlich sind Angehörige bei weitem nicht nur Fragende, die Hilfe suchen. Sie sind vielfach Garanten dafür, dass die Traditionen der familiären Lebens- und Glaubenskultur in der Institution Krankenhaus – wenigstens in Spuren – Raum finden. Ein Anliegen, das für eine menschennahe Seelsorge von zentraler Bedeutung ist. So hat zum Beispiel die Ehefrau eines 84-jährigen Patienten ein kleines versilbertes Kreuz mitgebracht, das bereits der Urgroßmutter ihres Mannes gehörte und seither durch die Generationen weitergegeben wird. Dieses Kreuz war in den Begegnungen immer wieder präsent und es gehörte von da an in die Mitte auch der täglichen Kommunionfeier am Krankenbett. Ein kleines Kreuz wurde dabei zur Anregung, an die lebenden und verstorbenen Menschen zu erinnern, die dem Patienten und seiner Familie gerade jetzt Kraft geben konnten.

spriritualitaet fuer patientenOft bringen Patienten, wenn sie zu den Gottesdiensten in unsere Klinikkapelle kommen, ihre Angehörigen mit und finden dort Raum, gemeinsam und in Gemeinschaft mit dem Grund ihrer Hoffnung in Berührung zu kommen, ihrem Glauben in vertrauten Ritualen, Gebeten und Liedern Ausdruck zu geben und darin Halt zu finden.

Eine besondere Aufgabe für einen Seelsorger in der Klinik ist die Begleitung von trauernden Angehörigen. Sie braucht eine hohe Aufmerksamkeit, was jetzt Not tut und Unterstützung braucht. Zur Trauerbegleitung gehört immer wieder das Abschiedsritual auf der Station, der Gedenkgottesdienst für Angehörige und das helfende Gespräch, wenn es darum geht, Anschluss an eine Trauergruppe oder eine andere heimatnahe Unterstützung zu finden.
Der Auftrag des Seelsorgers ist nicht nur in der Begegnung mit den Patienten, sondern auch mit den Angehörigen eindeutig unterstützend. Dabei achtet er die Angehörigen als die „ersten“ – oft auch seelsorglichen – Begleiter in ihrer eigenen Kompetenz. Die Seelsorge schafft einen Rahmen und eine Gesprächskultur, die eine menschliche und spirituelle Orientierung ermöglicht und fördert.

Was Angehörige über Monate und Jahre des Krankseins ihres Familienmitglieds gewährleisten können und oft erfüllen, ist, dass sie verlässlich da sind und dableiben. Diese Haltung ist auch für die Seelsorge grundlegend, weil sich darin etwas von der Nähe des biblischen Gottes widerspiegelt.

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Erich Hauer
Seelsorger
Klinik für Tumorbiologie

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