Psychosoziale Unterstützung

Angehörige in der Zwickmühle der Gefühle


Dipl. Psychologin Anna Boehncke
Dipl. Psychologe Martin Poppelreuter

Angehörige von Tumorpatienten wurden lange Zeit nur als Unterstützung betrachtet, die Aufgaben und Funktionen übernehmen, die der Patient nicht selbst ausüben kann und ihm psychischen Beistand leisten. Erst seit kurzem befasst sich die psychoonkologische Forschung mit der Frage: „Was brauchen Angehörige, um für den Patienten hilfreich zu sein, aber auch um selbst mit dieser schwierigen Situation zurechtkommen zu können?“

Verschiedene Studien kommen zu dem Ergebnis, dass das Ausmaß psychischer Belastung bei Partnern von Tumorpatienten vergleichbar mit denen der Patienten selbst ist. Einzelne Arbeiten fanden sogar höhere Belastungen auf Seiten der Angehörigen als bei den Patienten. Interessanterweise schätzen Angehörige häufig die Belastung der Patienten höher ein als diese selbst. Hier scheinen neben der unterschiedlichen Wahrnehmung auch Differenzen in den Handlungsstrategien eine Rolle zu spielen: Während die Patienten, gerade in der Phase der Akutbehandlung, alle Energie darauf konzentrieren, die oftmals anstrengenden Therapien zu bewältigen, haben Angehörige das Gefühl, nur daneben zu stehen, helfen zu wollen und doch nicht wirklich etwas abnehmen zu können.

psychosoziale unterstuetzungWährend die Partner verschiedenste Aufgaben für den Patienten übernehmen, müssen sie sich gleichzeitig auch selbst mit der Erkrankung der ihnen nahestehenden Person auseinandersetzen. Unsicherheit, Angst und die Schwierigkeit, über eine Tumorerkrankung zu reden, stellen starke Belastungen dar. Nicht selten entsteht eine Situation der gegenseitigen Sprachlosigkeit: Patienten sprechen ihre Ängste und Nöte nicht an, weil sie das Gefühl haben, ihr Umfeld sowieso schon maximal zu belasten, oder aber, weil sie glauben, dass von ihnen Tapferkeit, Zuversicht und „positives Denken“ erwartet wird. Angehörige haben oft Angst vor den möglichen Reaktionen des kranken Menschen und fürchten, dass sie emotionale Krisen auslösen, die sie nicht abfangen können. Bisweilen entsteht auch durch die Behandlung und die damit verbundenen Klinikaufenthalte eine zunehmende Distanz. Oft sprechen die Angehörigen gegenüber Freunden und Verwandten ihre eigenen Nöte nicht an, weil sie das Gefühl haben, dass alle Ermutigung und Anteilnahme nur dem Patienten gebührt. Eigene Bedürfnisse und Wünsche werden zurückgestellt. Vielfach wird auch auf potentiell hilfreiche Dinge wie Kontakte zu Freunden, Sport oder Freizeitaktivitäten verzichtet, sei es, weil die Zeit fehlt oder weil man das Gefühl hat, in Zeiten, in denen es dem Partner so schlecht geht, dürfe man sich solche Vergnügungen nicht erlauben.

Grundsätzlich bestätigen Untersuchungen immer wieder, dass die psychischen Belastungen für die Angehörigen sehr viel gravierender sind als die physischen, die sich durch die Übernahme von Arbeiten oder auch die Pflege des Patienten ergeben. 20 bis 35 Prozent der Familien haben besonderen psychosozialen Unterstützungsbedarf. Das heißt diese Familien brauchen professionelle Hilfe durch entsprechend ausgebildete Therapeuten oder Berater, um mit den Belastungen durch die Tumorerkrankung eines Familienmitglieds zurechtzukommen. Deutlich wird in den vorliegenden Studien auch, dass die emotionalen Belastungen für Partnerinnen oft besonders hoch sind. Männer verfügen in der Regel über weniger emotional intensive und tragfähige Kontakte außerhalb der Familie als Frauen. Aus diesem Grund sind kranke Männer in hohem Maße von der psychischen Stabilität ihrer Partnerin abhängig. Im umgekehrten Fall, wenn also die Frau die Patientin ist, entlastet es Männer ungemein, wenn sie ihre Partnerin psychisch stabil erleben, weil es ihnen sehr häufig besonders schwerfällt, die emotionalen Belastungen aufzufangen.

psychosoziale unterstuetzungWenn jüngere Menschen die Diagnose Krebs erhalten, sind auch immer wieder Kinder von einer Tumorerkrankung eines Elternteils betroffen. Hier gilt der Grundsatz, dass Kinder die Bedeutung und auch die Gefahr der Situation in der Regel sehr viel besser verstehen, als Erwachsene dies glauben. Kinder setzen sich auf ihre eigene Art damit auseinander, dass Vater oder Mutter schwer krank sind, und auch der Gedanke, dass er oder sie an dieser Krankheit versterben kann, ist für sie nicht fremd. Deshalb brauchen Kinder und Jugendliche altersgerechte Aufklärung und Information. Sie müssen in Planungen einbezogen werden (Welche Therapien werden durchgeführt? Wie lange dauert das? Muss er/sie im Krankenhaus liegen?). Ganz wichtig ist, dass Kinder Fragen stellen dürfen. Das zeigt den Eltern auch, in welcher Art und Weise ihr Kind die Krankheit erlebt, welche Ängste es vielleicht quälen und welche Hilfe und Entlastung ihm gut tun könnten. Auch sind Schuldgefühle nicht selten bei Kindern, die fürchten, durch „schlechtes Verhalten“ die Krankheit mit verursacht zu haben. Hier ist es wichtig, solche Phantasien zu erkennen, sie ernst zu nehmen und das Kind aktiv von solchen Gefühlen zu entlasten. Angesichts der oftmals hohen Belastung für den Patienten selbst und den Partner können alternative Bezugspersonen als Unterstützer für Kinder wichtig sein, zum Beispiel die Großeltern oder andere Familienangehörige, aber auch Freunde, Lehrer oder Trainer. In jedem Falle ist es nützlich, in der Schule oder im Verein die Verantwortlichen zu informieren, damit sie Änderungen im Verhalten des Kindes richtig einordnen und hilfreich reagieren können.

Es gibt zwar keine Patentrezepte, aber familiärer Zusammenhalt und wechselseitige Unterstützung sind für die meisten Patienten die wichtigste Hilfe überhaupt. Offenheit im Gespräch. Und Flexibilität in der Neuverteilung von Rollen und Aufgaben innerhalb der Familie können wichtige Ressourcen sein. Gleichzeitig erweist es sich als hilfreich, auch ausreichende Kontakte nach außen zu halten und jedem Familienmitglied auch zu gestatten, für sich und seine Bedürfnisse zu sorgen. Gerade in Krisenzeiten ist es wichtig, auch ein Stück Normalität und Erholung bewahren zu dürfen und neben Tränen sollte auch Lachen erlaubt sein.


Dipl. Psychologin
Anna Boehncke

Dipl. Psychologe
Martin Poppelreuter
Abteilung Psychoonkologie
Klinik für Tumorbiologie

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