Patientenkompetenz und Psychoedukation

Prof. Dr. phil. Joachim Weis

Im Kontext onkologischer und anderer Erkrankungen wird der Begriff der Patientenkompetenz seit einiger Zeit zunehmend häufiger verwendet. Auch im „Wegweiser“ wurde schon mehrfach darüber berichtet. Das Konzept der Patientenkompetenz beschreibt in verschiedenen Facetten die Perspektive der Patienten in ihrer Verarbeitung und Bewältigung einer lebensbedrohlichen Erkrankung wie zum Beispiel Krebs und deren Behandlung durch ihr Erleben, Bewerten, Wissen und Handeln.

Aus wissenschaftlicher Sicht lässt sich Patientenkompetenz definieren als die Fähigkeit, sich den Herausforderungen der Erkrankung zu stellen, sich auf die eigenen Ressourcen in der Krankheitsverarbeitung zu besinnen, eigene Zielvorstellungen zu verfolgen und Autonomie zu bewahren. So gesehen ist Patientenkompetenz immer individuell zu verstehen und nicht im Sinne von normativen Vorgaben. Aus Sicht von Patienten wird sie verstanden als die Fähigkeit und das Bestreben, den eigenen Weg in der Krankheit zu gehen und aus eigenen Kräften zur Verbesserung des Krankheitsverlaufs beizutragen. Die Stärkung der Patientenkompetenz ist daher auch eine wesentliche Aufgabe der organisierten Selbsthilfe.

patientenkompetenzUnter der übergeordneten Zielsetzung einer verbesserten Patientenorientierung in der Onkologie wird das Verständnis von Patientenkompetenz häufig mit der Forderung verknüpft, die spezifische Perspektive in der Arzt-Patienten Interaktion zu berücksichtigen und durch gezielte Maßnahmen zu stärken. Dadurch ist das Konzept der Patientenkompetenz auch ein Anknüpfungspunkt für Forderungen der Patienten, eine stärkere, ihren jeweiligen Bedürfnissen entsprechende Teilhabe an Behandlungsentscheidungen zu ermöglichen. Grundlage hierfür ist neben einer guten Informationsbasis auch die Vermittlung von aktiven Strategien der Krankheitsverarbeitung. Dies umfasst sowohl Selbsthilfestrategien zur Reduzierung von Stresserleben und Stärkung eigener Ressourcen als auch Fertigkeiten in der Kommunikation mit dem Arzt, zum Beispiel sich trauen Fragen zu stellen oder psychosoziale Kompetenz des Arztes einzufordern. Auf Seiten des Arztes impliziert dies die Kompetenz zur patientenzentrierten Kommunikation, die durch entsprechende Trainingsmaßnahmen in der Fort- und Weiterbildung vermittelt werden kann.

Nach unserem heutigen Verständnis ist Patientenkompetenz nicht automatisch vorhanden, sondern kann oder muss erlernt werden. Dadurch wird auch die Notwendigkeit begründet, durch gezielte Hilfestellungen und Interventionen zur Verbesserung der Patientenkompetenz beizutragen. Die Stärkung dieser aktiven Verarbeitungsstrategien, aber auch das Erlernen mit den emotionalen Belastungen und entstehenden Ängsten umzugehen, wird heute durch gezielte psychologische Schulungen für Patienten vermittelt, was mit dem Begriff Psychoedukation zusammengefasst wird.

Diese zumeist als Gruppenprogramme konzipierten psychoonkologischen Interventionen sind strukturierte Maßnahmen zur Förderung der Krankheitsverarbeitung und Stärkung der Patientenkompetenz. Meist sind die Sitzungen inhaltlich aufgebaut und umfassen Themen wie Lernen, mit Ängsten umzugehen, Depression überwinden, die eigene Gesundheit und Genesung fördern, soziale Unterstützung finden oder mit dem Medizinsystem umgehen lernen. Dabei werden auch praktische Techniken wie Entspannung und gelenkte Imagination vermittelt, um Stress individuell besser kontrollieren und abbauen zu können. „Hausaufgaben“ ermöglichen die rasche Umsetzung des Erlernten im Alltag. Grundlegendes Ziel ist die Vermittlung von Hilfe zur Selbsthilfe und Stärkung der eigenen Patientenkompetenz. Psychoedukation für Krebspatienten wird in Form von ambulanten Gruppen oder im Rahmen der stationären Rehabilitation angeboten. In der Klinik für Tumorbiologie wurde ein entsprechendes Gruppenprogramm entwickelt und erprobt und liegt mittlerweile als Buch vor.

 

joachim weiss

Prof. Dr. phil. Joachim Weis
Leiter Abteilung Psychoonkologie
Klinik für Tumorbiologie

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