Psychoonkologische Forschung zu Fatigue

Erschöpfung ist zentrales Folgeproblem nach Krebs


Prof. Dr. phil. Joachim Weis 

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Mit dem Begriff Fatigue wird ein Gefühl von außergewöhnlicher körperlicher, psychischer und geistiger Erschöpfung beschrieben, die nicht in Zusammenhang mit der körperlichen Aktivität steht und mit körperlichen Leistungseinschränkungen sowie reduzierter Energie einher geht. Im Gegensatz zur normalen Erschöpfung bei körperlicher oder geistiger Anstrengung tritt die tumorbedingte Fatigue auch ohne, beziehungsweise nach nur geringer vorheriger körperlicher Aktivität auf und kann durch Erholung oder Schlaf wenig oder meist gar nicht gebessert werden. In den letzten Jahren wurde die Problematik der tumorbedingten Fatigue vermehrt in den Mittelpunkt des wissenschaftlichen und klinischen Interesses gerückt. Vom klinischen Bild her kann man eine akute und eine chronische Fatigue unterscheiden. Die akute Fatigue tritt unter oder unmittelbar nach Abschluss der Tumorbehandlung auf, vor allem bei Hochdosistherapie, Chemotherapie oder Bestrahlung. Die chronische Fatigue kann über Monate oder Jahre nach Beendigung der tumorspezifischen Therapie bestehen und wird in Zusammenhang mit der Krankheitsverarbeitung oder mit langfristigen Anpassungsproblemen gebracht. Fatigue umfasst körperliche, kognitive und affektive Aspekte.

Im Rahmen einer vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten Studie wurde die Problematik der tumorbedingten Fatigue auf der Basis einer breit angelegten Fragebogenstudie untersucht. Hintergrund der Studie war die zunehmende Bedeutung der  Fatigue-Problematik für die Rehabilitation und Nachsorge von Tumorpatienten. Ziel der Untersuchung war es, die Verbreitung, die Verteilungsmuster und den Stellenwert der tumorbedingten Fatigue im Hinblick auf die Lebensqualität und den Rehabilitationsbedarf zu erfassen. Außerdem sollte geklärt werden, inwieweit die berufliche Wiedereingliederung durch die Fatigue-Problematik beeinflusst wird.In drei Querschnittsstudien konnten insgesamt 1254 Patienten eingeschlossen werden (Brustkrebs und Darmkrebs). Davon wurden insgesamt 337 Patienten über zwei weitere Messzeitpunkte nach sechs Monaten beziehungsweise nach zwölf Monaten nachbefragt. Auch in unserer Studie konnten wir bestätigen, dass die tumorbedingte Fatigue zusammen mit weiteren Einschränkungen der Lebensqualität in verschiedenen Funktionsbereichen und in Verbindung mit anderen Symptomen eines der zentralsten Folgeprobleme der Tumorerkrankung und -therapie darstellt. Wenngleich die Beeinträchtigungen mit zunehmendem zeitlichen Abstand zur der Behandlung abnehmen, sind einzelne Untergruppen von Patienten nach einem Jahr und oft sogar noch nach fünf Jahren in einem erheblichen Maße durch diese Probleme eingeschränkt. Hier haben die Brustkrebspatientinnen  mit Schlafstörungen als auch im Bereich der Fatigue größere Probleme als die Patienten mit Darmkrebs. Demgegenüber leiden die Patienten mit Darmkrebs erwartungsgemäß stärker unter den behandlungsspezifischen Symptomen.

Die Studie lieferte wichtige Grundlagen und Erkenntnisse für die Bedeutung der tumorbedingten Fatigue in verschiedenen Zeitfenstern nach Beendigung der Tumortherapie sowie über den Längsschnittverlauf der Erkrankung bis zu zwölf Monate nach Beendigung der Tumortherapie. In weiteren Studien muss nun die Bedeutung der verschiedenen adjuvanten Behandlungsmaßnahmen weiter geklärt werden, ebenso sollten in nachfolgenden Studien auf der Basis kleinerer Fallzahlen mit detaillierten Erfassungsmethoden auch die somatischen Einflussfaktoren systematisch erfasst  und ausgewertet werden, um gezielte Interventionen entwickeln zu können.

 

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Prof. Dr. phil. Joachim Weis
Leiter der Abteilung Psychoonkologie
Klinik für Tumorbiologie

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