Psychoonkologie ist wichtiger Baustein der Krebsbehandlung

Bei der Finanzierung sind noch viele Fragen offen


Prof. Dr. phil. Joachim Weis 

Die psychoonkologische Versorgung stellt heute einen wesentlichen Baustein in der Krebsbehandlung dar. Als Teil einer interdisziplinären Behandlungskonzeption wird sie durch interdisziplinäre Standards und Behandlungsleitlinien geregelt. Durch eine bedarfsgerechte psychoonkologische Betreuung können die weitreichenden Auswirkungen der Erkrankung im körperlichen, seelischen und sozialen Bereich aufgefangen werden. Eine frühzeitige Betreuung kann davor schützen, dass die Beschwerden chronisch werden und somit Spätfolgen und Folgekosten vermeiden helfen.

In der Versorgungsrealität beruht die psychoonkologische Betreuung auf einem gegliederten System verschiedener Strukturen und Einrichtungen (im Akutbereich, in Rehabilitation sowie ambulanter Nachsorge), das jedoch in seiner Ausgestaltung bisher nicht flächendeckend und bedarfsgerecht ausgebaut ist. Gründe hierfür liegen unter anderem auch in Fragen der jeweiligen Finanzierung und den häufig nicht geklärten Zuständigkeiten der verschiedenen Träger unseres Gesundheitssystems.

psychoonkologie bausteinDie Finanzierung der psychoonkologischen Tätigkeit ist in den jeweiligen Versorgungsbereichen unterschiedlich geregelt. Im Akutkrankenhaus ist sie Bestandteil des Versorgungsauftrages und wird durch die Fallpauschalen (DRG) abgerechnet. Allerdings verfügen nur die größeren Krankenhäuser über psychoonkologische Fachkräfte. In den sich zunehmend etablierenden Organkrebszentren (wie den Brustzentren und Prostatazentren) ist eine psychoonkologische Versorgung der Patienten Voraussetzung für die Zertifizierung. Diese Leistungen können als Einzelziffern dokumentiert, in der Regel jedoch nicht als Einzelleistungen zusätzlich abgerechnet werden, sondern sind in der Pauschale mit enthalten. Da das DRG System sich immer noch in Entwicklung befindet, kann die regelhafte Dokumentation erste Anhaltspunkte zur Bedarfsschätzung geben.

Für den Bereich der stationären Rehabilitation wird seitens der Rentenversicherungsträger und Krankenkassen für alle onkologischen Spezialeinrichtungen eine psychoonkologische Fachkraft gefordert, wobei die Relation zwischen den zur Verfügung gestellten Stellen und der Bettenzahl erheblich variiert. Die Abrechnung erfolgt in der stationären Rehabilitation nach Tagessätzen. In den onkologischen Reha-Kliniken ist am ehesten ein integriertes psychoonkologisches Angebot unter Einbeziehung der künstlerischen Therapien und der Sozialberatung gewährleistet. Allerdings nehmen nur zirka ein Drittel aller Patienten eine derartige Maßnahme in Anspruch.

Die ambulante fachpsychoonkologische Versorgung basiert im Wesentlichen auf den psychosozialen Krebsberatungsstellen sowie den niedergelassenen Psychotherapeuten. Die Ambulanzen der Kliniken und onkologischen Schwerpunktpraxen halten nur in wenigen Ausnahmen ein spezielles psychoonkologisches Beratungs- und Betreuungsangebot vor. Schwerpunkte der ambulanten Versorgung sind die psychosozialen Krebsberatungsstellen in freier Trägerschaft (Länderkrebsgesellschaften, Tumorzentren, Diakonie, Caritas), die eine wichtige Schnittstelle zwischen stationärer Versorgung und ambulanter Nachsorge darstellen. Für die Patienten sind begrenzte Beratungsleistungen kostenlos, bei aufwendigeren Angeboten wird ein entsprechender finanzieller Beitrag zur Eigenbeteiligung erhoben.

Durch die zunehmende Verkürzung der Liegezeiten im Akutkrankenhaus kommt den Beratungsstellen eine wichtige Funktion in der Klärung und Vermittlung weiterführender ambulanter Hilfen zu. Eine Regelfinanzierung konnte für diesen Bereich bisher nicht erreicht werden. Daher sind diese Einrichtungen auch von Spenden und Fördermitteln abhängig.

Entsprechend den Richtlinien zur ambulanten Psychotherapie können Tumorpatienten bei entsprechender Indikationsstellung behandelt werden. Indikation für die ambulante psychotherapeutische Behandlung beim entsprechend qualifizierten Fachpsychotherapeuten sind psychische Folgestörungen im Sinne der psychischen Komorbidität, die sich als inadäquate Krankheitsverarbeitung äußern und über normale Reaktionen der Krankheitsverarbeitung hinausgehen. Sofern der jeweilige Psychotherapeut eine Kassenzulassung besitzt, kann die psychotherapeutische Leistung über Krankenschein abgerechnet werden. Durch Modellversuche wie die DMP Programme werden derzeit am Beispiel des Mammakarzinoms integrierte psychosoziale Versorgungsmodelle erprobt, die auch niedrigschwellige Problemlagen bei Tumorpatienten einbeziehen. Über die Ergebnisse und die Umsetzbarkeit für die gesamte psychoonkologische Versorgung wird man jedoch erst nach Abschluss des Modellversuchs mehr Klarheit haben.  

Wenngleich eine dauerhafte Sicherung und flächendeckende Versorgung in allen Bereichen von fachlicher Seite gefordert wird, klaffen fachliche Anforderungen und Versorgungsrealität in vielen Versorgungsbereichen weit auseinander. Die Fachgesellschaften konnten gemeinsam mit den Interessenvertretungen der Patienten große Erfolge erzielen. Um eine Regelfinanzierung im Rahmen unseres gegliederten Systems der Krankenversorgung zu erreichen, bedarf es jedoch erheblicher Anstrengungen und einer engen Zusammenarbeit mit Vertretern von Politik, Sozialadministration, Krankenkassen, Rentenversicherungsträger und Kommunen.

 

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Prof. Dr. phil. Joachim Weis
Leiter der Abteilung Psychoonkologie
Klinik für Tumorbiologie

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