Auf vielfachen Wunsch von Mitgliedern und Förderern wird die Serie „Wenn ich an Kirstin denke…“ neu aufgelegt.

Wenn ich an Kirstin denke…

Liebe Kirstin,

was wäre diese Zeitschrift ohne die Gedanken Deiner Freunde? „Wenn ich an Kirstin denke...“ – dies ist meine liebste Seite in jedem Wegweiser und heute möchte ich von uns erzählen.

Kirstin BildEs ist Herbst, heute, der 3. November 2003 (die Blätter fallen, fallen wie von weit...). Vor sieben Jahren, im November 1996, war ich im achten Monat schwanger mit unserem ersten und bisher einzigen Kind. Wir wollten nicht wissen, ob es ein Mädchen oder ein Junge wird. Du hast Dich mit uns so sehr auf dieses Kind gefreut und hast für uns Babysachen, Bettwäsche, Handtücher usw. organisiert. Hast Dir Gedanken gemacht, wie das Leben für uns werden wird nach der Geburt. Hast Dich gefragt, ob wir heiraten wollen, wie Michael so ist, ob ich mir vorstellen kann, mit ihm zu leben.

Du, in Deiner eigenen kleinen Wohnung, in Deinem Bett liegend. Ein Telefon, Deine Verbindung zur Außenwelt. Deine Stimme ist für mich unvergesslich: „Hallo, Giesi, hier ist Kirstin“, und so wurde schnell eine Stunde und mehr aus unseren Telefonaten. Egal wo Du warst, ob in Koblenz, Hannover oder Freiburg, wir haben telefoniert. Wenn ich einmal krank war, hast Du mir erzählt, welche Medikamente und Hausmittelchen gut für mich wären, hast mich getröstet mit meinen „unwichtigen Wehwehchen“.

Ich glaube, Du hast mir sehr viel anvertraut. Über die Menschen, mit denen Du zu tun hattest. Die Ärzte, die Dich behandelt haben. Ich habe viele von Ihnen (aus Deinen lebhaften Erzählungen) gekannt, ihre Eigenheiten, ihre Spitznamen, Sprüche und Witzchen. Bei dem einen oder anderen bist Du sogar ins Schwärmen geraten. Es gab so viele Menschen, die begonnen haben, Kirstins Weg zu gehen. Von Ihnen und Ihrem Tun hast Du mir berichtet. Auch über Deine wirklichen Empfindungen und Sorgen haben wir gesprochen, z.B. die Sache mit dem Morphium.

Irgendwann wurden unsere Gespräche kürzer, Du hattest nicht mehr die Kraft, warst oft müde, hast Dich entschuldigt, Gespräche abgebrochen und diese vertagt.

Am 2. Weihnachtsfeiertag 1996 habe ich Dich mit Michael und meinem runden Bauch besucht. In Deiner eigenen Wohnung. (Ich erwähne das bereits zum zweiten Mal. Diese Wohnung hat für Dich so viel bedeutet. Ein Stück Selbstständigkeit. Du hattest soviel Freude bei der Planung und Gestaltung Deiner vier Wände. Ich konnte das sehr gut verstehen und habe Deine Eltern dafür sehr bewundert, denn Sie haben Dir diesen sehnlichen Wunsch erfüllt. Dein Vater brachte Dich ins Wohnzimmer. Es war sehr schwer für uns, die Fassung zu bewahren und „normal“ mit Dir zu umzugehen. Du warst so zerbrechlich. Deine Mutter und ich sahen uns an, ein Augenblick, der Bände sprach. Bevor wir gegangen sind, wolltest Du mit mir alleine sein. Du in Deinem Bett und ich auf einem Stuhl davor. Wir haben uns zum letzten Mal gesehen, uns zum letzten mal umarmt. Glück und viel Kraft für meinen bevorstehenden Kaiserschnitt hast Du mir gewünscht.

Am 14. Januar 1997 kam unsere Tochter Catharina zur Welt. Und wieder war das Telefon unsere Verbindung. Ich blieb zwölf Tage im Krankenhaus und wir haben oft miteinander gesprochen (meist nachts). Du hast Dich gefreut, dass es ein Mädchen geworden ist und wolltest alles genau wissen. Ich habe leider nicht erkannt, wie gerne Du die Patentante von Catharina geworden wärest, das tut mir heute unendlich leid.

Am 12. Februar 1997 habe ich von meiner Mutter erfahren, dass Du in der Nacht gestorben bist.

Catharina hat Dich nie persönlich kennen gelernt. Doch die Erzählungen von Dir, Deine Bilder, meine Erinnerungen haben Dich Ihr nahegebracht. Manchmal malt Sie für Dich ein Bild und wir besuchen Dich.

Im November 1999 ist meine Mutter an Krebs erkrankt! Im April 2000 ist mein Vater an Krebs erkrankt! Meine Eltern leben noch! Mein Vater ist „geheilt“. Meine Mutter hat eine recht hohe Lebensqualität erreicht. Ihre Chancen, weiter zu leben, stehen gut.

Ich frage mich oft, was gewesen wäre, wenn es Kirstins Weg nicht gegeben hätte und die Menschen, die ihn gehen uns nicht zur Seite gestanden hätten?

Wir werden Dich nie vergessen und danken Dir und Deinen lieben Eltern für alles, was Ihr für uns getan habt.

KramervClausbruch klein

 

 

In tiefer Freundschaft

Auf Wiedersehen

Deine Michaela

mit Michael und Catharina

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